{"id":111764,"date":"2019-10-30T18:03:54","date_gmt":"2019-10-30T14:03:54","guid":{"rendered":"http:\/\/1905.az\/?p=111764"},"modified":"2019-10-30T18:25:44","modified_gmt":"2019-10-30T14:25:44","slug":"die-mugham-schule-von-karabach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/1905.az\/de\/die-mugham-schule-von-karabach\/","title":{"rendered":"Die Mugham- schule von Karabach"},"content":{"rendered":"<pre>DIE UNESCO HAT 2003 ENTSCHIEDEN, DEN ASERBAIDSCHANISCHEN MUGHAM IN DIE LISTE DER MEISTERWERKE DES M\u00dcNDLICHEN UND IMMATERIELLEN ERBES DER MENSCHHEIT AUFZUNEHMEN. IN ASERBAIDSCHAN SELBST, WO MUGHAM ALS WESENTLICHER BESTANDTEIL DER EIGENEN GRUNDLEGENDEN KULTURELLEN WERTE BETRACHTET WIRD, SIEHT MAN IN DER ENTSCHEIDUNG SOWOHL EINE ANERKENNUNG DER VERDIENSTE HERAUSRAGENDER VERTRETER DIESER MUSIKFORM ALS AUCH DEN WUNSCH, DIE AUFMERKSAMKEIT DER WELTGEMEINSCHAFT AUF DIESES EINZIGARTIGE KULTURELLE ERBE ZU LENKEN.<\/pre>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/1905.az\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/qarabah-muqam-mektebi.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"235\" class=\"alignnone size-full wp-image-111725\" srcset=\"https:\/\/1905.az\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/qarabah-muqam-mektebi.jpg 350w, https:\/\/1905.az\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/qarabah-muqam-mektebi-300x201.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mugham hat eine jahrhundertealte Tradition, erlebte aber in einer Epoche \u201e\u00d6stlicher Renaissance\u201c, als die aserbaidschanische Kultur, aufbauend auf ihrem griechisch-r\u00f6mischen Erbe, in verschiedensten Bereichen, von Literatur bis Architektur, Meisterwerke hervorbrachte, eine Bl\u00fctezeit. Trotz der sp\u00e4teren Weiterentwicklung des Mugham hat sich an seinem Wesen und seinem Wert f\u00fcr die Kultur Aserbaidschans nichts ge\u00e4ndert. Noch immer ist Mugham eine Art kultureller Mikrokosmos, der zum einen ein Erbe der Vergangenheit, zum anderen jedoch auch eine sehr moderne Kunstform darstellt. Seine streng kanonischen Regeln harmonieren vorz\u00fcglich mit der M\u00f6glichkeit der Improvisation und der kreativen Entwicklung des musikalischen Themas durch den Interpreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die einzigartige Mugham-Kultur entstand auf Grundlage einer reichen philosophischen, musikalischen und literarischen Tradition. Mugham-Musiker werden von ihren Zuh\u00f6rern oft als die Tr\u00e4ger eines archaischen, magischen Codes wahrgenommen, der von einer Generation an die n\u00e4chste weitergegeben wird. Dadurch k\u00f6nnen die Zuh\u00f6rer eine Verbindung zu einer imagin\u00e4ren \u201eewigen Wahrheit\u201c aufbauen und inneren Frieden fi nden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keine wissenschaftliche Abhandlung vermag es, die Nuancen des lebendigen Geistes dieser Kunst zu erfassen. Mugham-K\u00fcnstler sind Menschen, die in ein gro\u00dfes Geheimnis eingeweiht wurden, die diesen \u201eimmergr\u00fcnen Baum\u201c lebendiger Musik und Poesie mit jeder ihrer Darbietungen zum Erbl\u00fchen bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mugham hat im Laufe seiner Geschichte weitere Kunstformen in sich aufgenommen. So bilden klassische aserbaidschanische Gedichte, die reich an Allegorien und Symbolen sind, seinen erz\u00e4hlerischen Korpus. Dabei wird eine an die Gedichte \u00c4sops angelehnte Sprache mit mystischen Inhalten kombiniert. Der Zusammenhang einer jeden Zeile, ihre wahre Bedeutung, erschlie\u00dft sich nur denjenigen, die sich in \u00f6stlicher Philosophie, in der Sprache der Symbole und Metaphern auskennen. Nur sie k\u00f6nnen die verborgene Aussage bestimmter Verse entschl\u00fcsseln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Geburt an entwickeln Mugham-K\u00fcnstler eine besondere Beziehung zur Versdichtung in Ghaselen (Q\u00e4z\u00e4l) (Eine im Orient verbreitete lyrische Gedichtform, die aus einer Folge von zweizeiligen Strophen besteht, deren zweiter Vers immer den in der ersten Strophe angewandten Reim wiederholt) . Kein Musiker wird sagen k\u00f6nnen, wie viele Ghasele von wie vielen verschiedenen Dichtern er auswendig kennt, doch wenn es n\u00f6tig ist, \u00fcber ein bestimmtes Thema nachzudenken, dann werden ihm die richtigen Zeilen einfallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon immer war und ist der Mugham eine unersch\u00f6pfl iche Quelle der Inspiration f\u00fcr aserbaidschanische Komponisten. Der symphonische Mugham, der auf klassischer Musik basiert, wird von in aller Welt mit einmaligem Erfolg dargeboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Aserbaidschan ist sowohl der f\u00fcr eine solistische Auff \u00fchrung als auch der durch Instrumente begleitete Mugham weit verbreitet. Gruppen, die Mugham rein instrumental darbieten, k\u00f6nnen unterschiedlich zusammengesetzt sein. Sie bestehen aber in der Regel aus mehr Mitgliedern als jene Gruppen, die lediglich der Begleitung dienen. So vielf\u00e4ltig und reich wie instrumentaler Mugham auch ist, so wird doch die Solodarbietung als die Kr\u00f6nung der Interpretation angesehen. Denn im Solo kann der Zuh\u00f6rer den sufi &#8211; schen Mystizismus einer \u201eReise in den Astralzustand\u201c wahrnehmen, die laut den Kennern des Mugham den Kern einer solchen musikalischen Meditation darstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Aserbaidschan werden Mugham-S\u00e4nger traditionell Chan\u00e4nd\u00e4 genannt. Chan\u00e4nd\u00e4 singen meist zu musikalischer Begleitung. Die Gruppe von Musikern spielt dabei typisch aserbaidschanische Instrumente und kann aus nur einem Trio (Tar, Kamantscha und D\u00e4f ) oder aber auch aus einem ganzen Orchester bestehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt mehrere anerkannte Schulen von Mugham-S\u00e4ngern in Aserbaidschan. Obwohl diese Musikform im ganzen Land weitverbreitet ist, sind Baki, Schamach\u0131, G\u00e4ndsch\u00e4, Nachtschivan und Schuscha als Zentren zu nennen, in denen sich unterschiedliche Mugham-Schulen entwickelt haben. Die sogenannte Mugham-Schule von Karabach (Qaraba\u011f), die besonders interessant ist, entwickelte sich vor allem in Schuscha.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erste Aufnahmen des aserbaidschanischen Mugham entstanden 1902. Die englische Firma \u201eGramophone\u201c, die deutsche Firma \u201eSportrekord\u201c und die franz\u00f6sische Firma \u201ePate Records\u201c \u00fcbernahmen die Vorreiterrolle bei Tonaufnahmen des Mugham. Im Jahr 1913 begannen diese Firmen Niederlassungen in Riga, Moskau, Warschau, St. Petersburg, Kiew, Tifl is und Baku zu gr\u00fcnden. Auch die russischen Schallplattenfi rmen \u201cConcert Record\u201d, \u201cMonarch Record\u201d, \u201cExtraphone\u201d, \u201cGramophone Record\u201d sowie \u201ePremier Record\u201c aus Ungarn nahmen aserbaidschanischen Mugham auf. Eine Reihe wertvoller Aufnahmen wurde zu Zeiten der Sowjetunion von den Schallplattenfabriken \u201eAprelevka\u201c und \u201eNogin\u201c ver\u00f6ff entlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten dieser Platten lagern jetzt im Aserbaidschanischen Staatsarchiv f\u00fcr Tonaufnahmen; einige werden im Aserbaidschanischen Staatlichen Museum f\u00fcr Musikkultur aufbewahrt. Bestimmte alte Schallplatten liegen auch im Archiv f\u00fcr Tonaufnahmen der British Library. Aserbaidschan hat viel getan, um alte Tontr\u00e4ger wiederherzustellen. So wurden beispielsweise Aufnahmen aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert von denen nur ein einziges Exemplar existierte, digitalisiert und damit der Nachwelt erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die politischen Wirren des Ersten Weltkriegs, der Zerfall des Russischen Kaiserreichs und die Gr\u00fcndung der Sowjetunion st\u00fcrzten den Mugham als Musikform in eine tiefe Krise. In der sowjetischen Ideologie galt er als eine veraltete Kunst, die dem Proletariat fremd war. Sogar die Tar, das Leitinstrument einer jeden Mugham-Darbietung, war heftigen Angriff en ausgesetzt. Der Mugham wurde in den Untergrund gedr\u00e4ngt, schaff te es aber sp\u00e4ter dennoch, in das offi zielle kulturelle Leben zur\u00fcckzukehren. Die ersten qualitativ hochwertigen Aufnahmen von Meistern des Mugham der KarabachSchule gelangen in den 1930er bis 1950er Jahren. Auf den Platten sind die Stimmen von S\u00e4ngern wie Chan Schuschinski, Z\u00fclf\u00fc Adig\u00f6z\u00e4lov, Seyid Schuschinski, \u00c4b\u00fclf\u00e4t \u00c4liyev, M\u00fct\u00e4llim M\u00fctallimov, Yaqub M\u00e4mm\u00e4dov, Islam Rzayev, Arif Babayev, M\u00fcrsch\u00fcd M\u00e4mm\u00e4dov, Q\u00e4dir R\u00fcst\u00e4mov und S\u00fcleyman Abdullayev zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine dritte Gruppe von Musikern fand schlie\u00dflich gegen Ende des 20. Jahrhunderts Anerkennung. Sie besteht aus Chan\u00e4nd\u00e4 wie Vahid Abdullayev, S\u00e4chav\u00e4t M\u00e4mm\u00e4dov, Zahid Quliyev, Qarachan Behbudov, M\u00e4nsum Ibrahimov, Sabir Abdullayev und F\u00e4hruz M\u00e4mm\u00e4dov.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Aserbaidschan sagt man, dass die Menschen sich jahrhundertelang auf die Geburt eines gro\u00dfen Talents vorbereiten sollen. Wenn ein Kind mit solch gro\u00dfem Talent dann das Licht der Welt erblickt, muss es schon Wiegenlieder geben, die es h\u00f6ren wird, M\u00e4rchen, die es lehren werden, Gut und B\u00f6se zu unterscheiden, und Lieder, die es in das Erbe seiner Vorfahren einf\u00fchren. Eines ist ganz off ensichtlich: Wenn die Menschen im Umfeld einer talentierten Person nicht bereit sind, sie als solche wahrzunehmen, dann erkennt sie sich am Ende vielleicht auch selbst nicht und ihr eigenes Talent bleibt unentdeckt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, hatten die Chan\u00e4nd\u00e4 von Karabach das Gl\u00fcck, an einem Ort und zu einer Zeit geboren worden zu sein, als ihre Umwelt bereit war, sie anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre Geburt in Karabach hat ihr Schicksal von vornherein ma\u00dfgeblich bestimmt. Denn sie wurden an einem Ort geboren, wo so gut wie jeder singen konnte und eine gute Stimme und Talent sehr gesch\u00e4tzt wurden. Jeder in Karabach, ob aus Ober- oder Unterkarabach, Schuscha oder Aghdam, war ein Mugham-Kenner und Experte f\u00fcr ein bestimmtes Volkslied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Aserbaidschan glaubt man, dass Mugham die menschliche Seele formt. In Karabach wurde dies als ein wechselseitiger Prozess angesehen: Die Natur erschaff e Seelen, die \u00e4u\u00dferst empf\u00e4nglich f\u00fcr alles Sch\u00f6ne seien, also auch f\u00fcr Musik. Und die Sch\u00f6nheit und Harmonie von Natur und Landschaft widerspiegele sich in der einzigartigen Musiktradition der Mugham-K\u00fcnstler aus Karabach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten karabachischen Chan\u00e4nd\u00e4 stammen aus Schuscha. Das Thema Schuscha in seiner Symbolik einer uneinnehmbaren Festung und spirituellen Hochburg wurde zu einem \u201ekulturellen Schrein\u201c des aserbaidschanischen Volkes und wird immer das Leitmotiv ihrer Arbeit sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeder Einwohner von Schuscha kannte die Geschichte des Ortes. Dieses Wissen stammte nicht nur aus historischen Chroniken. Die \u201eGeschichten von Karabach\u201c (Qarabaghnam\u00e4) wurden nicht nur als schriftliche Quellen betrachtet, sondern sie sind bis heute fester Bestandteil des Alltags. Viele historische Geschehnisse, die in den Karabachname beschrieben werden, wurden immer wieder erz\u00e4hlt und so von einer Generation an die n\u00e4chste detailliert weitergegeben. Die Geschichte und die Natur dieser Orte begr\u00fcndeten eines der Hauptthemen der MughamSchule von Karabach, das St\u00fcck Karabach Schik\u00e4st\u00e4si. Es war und ist die Visitenkarte eines jeden S\u00e4ngers der Region.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schuscha hat der Welt eine gro\u00dfe Zahl an Musikern, S\u00e4ngern und Komponisten hinterlassen, deren Aufz\u00e4hlung ein ganzes Lexikon f\u00fcllen k\u00f6nnte. Viele w\u00e4hlten als Pseudonym \u201eSchuschinski\u201c, ganz im Sinne des russischen Lyrikers Jessenin und seines ber\u00fchmten Satzes: \u201eWenn kein Dichter, dann nicht aus Schiraz, wenn kein S\u00e4nger, dann nicht aus Schuscha.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Recht galt Schuscha schon immer als das \u201eKonservatorium des Ostens\u201c. Aus der ganzen Welt str\u00f6mten die Menschen hierher, um ber\u00fchmten S\u00e4ngern zu lauschen und selbst das Singen zu erlernen. Doch die Stadt ist nicht nur f\u00fcr ihre Musiker bekannt. Das Ph\u00e4nomen \u201eSchuscha\u201c besteht aus einer Kombination von einzigartigen nat\u00fcrlichen Faktoren und dem vielf\u00e4ltigen kreativen Schaff en der Ortsans\u00e4ssigen. Alexandre Dumas hat die Atmosph\u00e4re dieser Stadt in seinem Buch \u201eReise in den Kaukasus\u201c, das eine b eeindruckende Beschreibung der karabachischen Dichterin Nat\u00e4van enth\u00e4lt, sehr gut eingefangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schuscha genie\u00dft aufgrund seiner reinen und kristallklaren Quellen einen besonderen Ruf. Die bekannteste von ihnen, Isa Bulaghi, galt vielen Menschen als Symbol f\u00fcr Schuscha. Das atemberaubend sch\u00f6ne Plateau ist von Bergen umgeben, die sich bis in den Himmel zu erstrecken scheinen und eine einmalige Konzerthalle mit einer unglaublichen Akustik unter freiem Himmel bilden. Schon viele bekannte S\u00e4nger sind auf dem Dschidir-D\u00fcz\u00fc-Plateau aufgetreten. Kindern aus Schuscha war es immer wieder eine Wonne, sich dieses Naturwunder f\u00fcr ihre Streiche zunutze zu machen, indem sie ihre hellen Stimmen, die erst langsam begannen, den Mugham zu erfassen, von verschiedenen Bergp\u00e4ssen erklingen und von den Bergen widerhallen lie\u00dfen. Diese einzigartige Polyphonie, verst\u00e4rkt durch das Murmeln der B\u00e4che, das Rauschen der B\u00e4ume und den Chor der V\u00f6gel, konnte nur der Phantasie von Kindern entspringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Jahr 1987 wurde das internationale Mugham-Festival \u201eChariB\u00fclb\u00fcl\u201c in Schuscha abgehalten. Es ist nach einer Blume benannt, die in diesen Bergen w\u00e4chst. Das Festival brachte eine Vielzahl von jungen Talenten hervor. Infolge der Besetzung der Stadt durch Armenien im Jahr 1992 wurden jedoch aus all den angehenden Talenten des Mugham auf einmal Fl\u00fcchtlinge. Sie leben nun in Fl\u00fcchtlingslagern, und viele geben an, dass sie seit den Tagen der Vertreibung nicht mehr gesungen haben. \u201eWir sind Menschen der Berge, wir k\u00f6nnen nicht in einem Tal leben und singen. Unsere Seelen sind dort in Schuscha. Wie sollen wir ohne die Bergquellen, ohne die klare Bergluft, ohne das Zwitschern der V\u00f6gel von Dschidir D\u00fcz\u00fc singen k\u00f6nnen?\u201c Gibt es darauf eine Antwort? Der Pessimismus, mit dem diese jungen Leute der Welt begegnen, ist allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gab ungeschriebene Gesetze, die die musikalischen Zusammenk\u00fcnfte in Schuscha in mehrere Klassen unterteilten. Zuerst sind da die M\u00e4dschlise zu nennen, zu denen die Musikerelite eingeladen wurde. Lieder, die auf zuvor noch nie geh\u00f6rten Gedichten basierten, wurden besonders gesch\u00e4tzt. So lange die Qualit\u00e4t gut war, spielte es keine Rolle, ob der S\u00e4nger das Gedicht in einem alten Manuskript gefunden oder ob er es von einem modernen Dichter \u00fcbernommen hatte. Bei solchen Treff en wurde keine Tanzmusik gespielt, der Mugham jedoch wurde in all seinen Nuancen dargeboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weniger professionelle Musiker wurden zu den M\u00e4dschlisen zweiter Klasse eingeladen. Auch dort wurde Mugham gespielt, doch nach rund zwei Stunden erklangen Volksweisen, und die Anwesenden konnten dazu tanzen. Bei M\u00e4dschlisen der dritten Klasse versammelten sich alle, die einfach nur Spa\u00df haben wollten. Hier ging es nicht um ernsthafte Musik, und Chan\u00e4nd\u00e4, die etwas auf sich hielten, mieden diese Zusammenk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn eine solche Klassifi zierung immer nur bedingt galt, so half sie doch erstklassigen Musikern, bei ihren Auftritten \u00fcber viele Jahre hinweg ein hohes Niveau zu halten. Das Gleiche galt auch f\u00fcr die Zuh\u00f6rer. Im Wesentlichen waren es die Zusammenk\u00fcnfte wahrer Kenner des Mugham, die die Entwicklung dieser Musikform vorantrieben, sie \u201esalonf\u00e4hig\u201c und damit die urspr\u00fcngliche Volkskunst unsterblich machten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Schriftsteller \u00c4bd\u00fcrr\u00e4him b\u00e4y Haqverdiyev sagte, egal, was f\u00fcr Musiker man in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts in Baku, Schamachi, Aschgabat, Teheran oder Istanbul treff en mochte; einige von ihnen stammten mit Sicherheit aus Schuscha. Sie gestalteten die Entwicklung der Musik im Orient, und Menschen, die einer Einsch\u00e4tzung ihrer Stimme und ihres Talents bedurften, begaben sich stets nach Schuscha. Noch Jahre nachdem sie dann anerkannte Chan\u00e4nd\u00e4 geworden waren, zitierten sie das Urteil, das sie von Hadschi H\u00fcseyn, Sadichdschan, Mirz\u00e4 Muchtar, Dschabbar Qaryaghdioghlu oder anderen Meistern des karabachischen Mugham erhalten hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste \u00d6l-Boom in Aserbaidschan beeinfl usste auch die Mugham-Kunst. Die von den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Erd\u00f6lindustrie Bakus organisierten Mugham-Feiern, die zun\u00e4chst im Theater von Schuscha stattfanden, waren ein gro\u00dfartiger Erfolg. Mit diesen Festen begann der \u00dcbergang von traditionellen musikalischen Zusammenk\u00fcnften der Mugham-Kenner hin zu \u00f6ff entlichen Konzerten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe des 20. Jahrhunderts bereicherte die Mugham-Schule von Karabach die Musikwelt um viele bemerkenswerte Musiker. Der Konfl ikt um Bergkarabach jedoch unterbrach die Kontinuit\u00e4t in der Ausbildung der Chan\u00e4nd\u00e4. Es existiert ein Sprichwort, welches besagt, dass die Muse verstummt, wenn die Waff en sprechen. Die Chan\u00e4nd\u00e4 von Karabach sind nicht stumm, sie singen, doch ihr Gesang ist voller Schmerz, Trauer und Leiden. Der gro\u00dfe Dschabbar Qaryaghdioghlu sagte einmal: \u201eSelbst wenn ich ins Paradies k\u00e4me, was w\u00e4re es wert ohne Karabach.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die heutige globalisierte Welt ver\u00e4ndert sich rasend schnell. Noch nie zuvor wurden so viele Menschen und G\u00fcter um die Erde geschickt, Informationen ohne Zeitverz\u00f6gerung \u00fcbertragen; neue Technologien ver\u00e4ndern das Gesicht der St\u00e4dte und D\u00f6rfer \u2013 all dies geschieht vor dem Hintergrund wachsender Bedrohungen, wie Kriege und Umweltzerst\u00f6rungen. In einer Welt, die gegen\u00fcber diesen Einfl \u00fcssen so verletzlich ist, ist ein Mensch so klein wie ein Sandkorn. Weder die Philosophie der Globalisierung noch die ihrer Gegner kann ihm die verlorene Harmonie zur\u00fcckbringen. Doch dies ist genau die Zeit, um den Grundstein f\u00fcr unsere zuk\u00fcnftige Entwicklung zu legen \u2013 einen Grundstein, der eng mit der Vergangenheit verbunden ist. Denn nur wenn die Tradition einer jeden Zivilisation und die Kultur eines jeden Volkes bewahrt werden, k\u00f6nnen wir kulturelle Vielfalt erreichen und eine Welt schaff en, in der die Tradition gesch\u00fctzt und bereichert werden kann. Das sind die Ziele der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Weltkulturerbes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Mehriban ALIYEVA,<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>UNESCO-Botschafterin und <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Vorsitzende der Heyd\u00e4r-\u00c4liyev-Stiftung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeitschrift \u201c\u0130rs-Auf den Spuren der Tradition\u201d, \u2116 1, 2012, s.20-27<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE UNESCO HAT 2003 ENTSCHIEDEN, DEN ASERBAIDSCHANISCHEN MUGHAM IN DIE LISTE DER MEISTERWERKE DES M\u00dcNDLICHEN UND IMMATERIELLEN ERBES DER MENSCHHEIT AUFZUNEHMEN. 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